Von Benjamin Pernak
Zuerst veröffentlicht in 5 Teilen zwischen Juni und November 2024 auf https://maxschneider-vogtlandaquarell.de/aktuell/
Einleitung
„Bis zur Einberufung am 30.6.1940 hatte ich eine Stellung als Kolorist inne. Nachdem ich an den Feldzügen gegen Frankreich und Rußland teilnehmen mußte, legte am 6. Mai 1945 die geschlossene Einheit ohne Kampf die Waffen nieder.“
Mit diesen knappen Worten fasst Max Schneider die Kriegsjahre in einem handgeschriebenen Lebenslauf 1946 zusammen. Aus einem weiteren erhaltenen Lebenslauf geht noch hervor, dass er den Dienstgrad eines Obergefreiten innehatte und die Gefangennahme bei Pilsen stattfand. Bereits am 17.06.1945 wurde er aus dem Lager Veitshöchheim (bei Würzburg in Unterfranken) aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte nach Oelsnitz/Vogtl. zurück.
In der Familie hat Max Schneider später nie über seine Kriegserlebnisse gesprochen. Jedoch spricht er noch heute zu uns durch die vielen Skizzen und Aquarelle, die er während dieser Zeit angefertigt und teilweise auch mit knappen Notizen versehen hat. Etliche Motive hat er nicht nur während des Krieges im Postkartenformat vervielfältigt, sondern auch noch Jahrzehnte später immer wieder neu in verschiedenen Techniken gemalt.
Doch wie war es ihm überhaupt möglich während des Krieges so viel zu zeichnen? Aufschluss hierüber gibt ein truppenärztliches Attest vom Sommer 1941, das im Nachlass erhalten geblieben ist. Vielleicht hat es ihm sogar das Leben gerettet. Dem Flieger Max Schneider der 3. Kompanie des Luftwaffen-Bau-Bataillons 21/XVII wird darin aufgrund einer chronischen Luxation des linken Oberarms bescheinigt, er sei „nur in leichter Arbeit zu verwenden, z.B. zu Zeichnungen und in Schreibstuben.“ Wiederholt hielt er seinen Zeichentisch in Skizzen fest (vgl. Lfd. Nr. 29). Nach dem heutigen Kenntnisstand ist anzunehmen, dass seine Einheit mit dem Aufbau und Betrieb von Militärflugplätzen hinter der Front betraut war und er in diesem Zusammenhang auch für militärische Zwecke zeichnete. Seine Tätigkeit erlaubte ihm jedenfalls einen beträchtlichen Teil seiner Zeit mit dem Zeichnen und Malen in der Umgebung des jeweiligen Flugplatzes zu verbringen. Nur dank dieser Umstände konnte er in den Kriegsjahren ein so umfangreiches Werk schaffen.
Erst kürzlich kamen im Archiv der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung mit Satiricum im Sommerpalais Greiz einige Briefe Max Schneiders aus den Jahren 1936-44 zum Vorschein. Aus diesen geht nicht nur hervor, dass ihm nach einer Ausstellungsteilnahme 1936 eine erneute Beteiligung im Folgejahr mangels Mitgliedschaft in der sog. Reichskammer der bildenden Künste (kurz „Reichskunstkammer“) verwehrt blieb. Schneider bemühte sich erfolgreich um eine Aufnahme, die Voraussetzung für die Teilnahme an Ausstellungen während der NS-Zeit war. In den Jahren 1938-1940 nahm Schneider jährlich an den Ausstellungen in Greiz teil. Einladungen in den Jahren 1941, 1943 und 1944 lehnte er jeweils unter Verweis auf seinen Kriegsdienst ab. So schreibt Schneider wörtlich in einen Brief an den Direktor des Sommerpalais, Dr. Gottfried Doehler, am 03.04.1941 aus Frankreich:
„Leider ist es mir nicht möglich diesmal die Ausstellung zu beschicken. Außer wenigen flüchtigen Skizzen, die ich in Feindesland habe anfertigen können, steht mir nichts zur Verfügung.“
Gut zwei Jahre später schreibt Schneider am 01.06.1943 von der Ostfront an Doehler:
„In Feindesland bleibt sehr wenig Zeit für gute Arbeiten und das Glück in der Heimat zu schaffen, war mir in so reichem Maße noch nicht beschieden, daß ich Ihnen damit dienen könnte.“
(Quelle für beide Zitate: Archiv der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung mit Satiricum im Sommerpalais Greiz, Akten zu den Ausstellungen Vogtländisch-Thüringischer Künstler 1941 und 1943)
Diese von Max Schneider in den Briefen nach außen vertretene „offizielle Version“ hat nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun, über die Gründe dieser Selbstdarstellung lässt sich nur spekulieren. Schneider nutzte jede freie Minute für künstlerische Arbeiten, bewahrte selbst kleinste Skizzen bis zu seinem Tode auf und beschäftigte sich auch nach dem Krieg noch jahrzehntelang mit einigen Motiven. Wir können also davon ausgehen, dass er sowohl die fernen Landschaften als auch seine Arbeiten von dort schätzte. Erhalten geblieben ist ein ganzes Tagebuch in Bildern, an die 200 Skizzen und Aquarelle aus den Jahren 1940-44, von Orléans in Frankreich, über die Region Karpatenvorland im Süden Polens (westliches Galizien), verschiedene Stationen in der Ukraine bis in den Kaukasus im Süden Russlands. Neben Stadtansichten aus Orléans, die teilweise auch die Schäden durch deutsche Luftangriffe zeigen, dominieren vom Ostfeldzug fast ausschließlich Ortsansichten und Landschaften mit einfachen Häusern, die ländliche Idylle mit traditioneller Architektur, die Max Schneider nach dem Krieg auch im Vogtland zum Hauptgegenstand seiner Arbeit machen sollte. Daneben entstanden noch einige Porträts von Kameraden und Einheimischen. Bislang ist nur eine Zeichnung eines zurückgelassenen russischen Geschützes bekannt. Mitten im Krieg hat Max Schneider also vor allem das genaue Gegenteil gemalt – die universelle Schönheit der Natur und des einfachen Landlebens, so dass teilweise der etwas verstörende Eindruck entsteht, er habe eine unbeschwerte mehrjährige Malreise unternommen. Vielleicht wollte er genau dies vermeiden und sagte deshalb seine Teilnahme an den Ausstellungen in Greiz in den Kriegsjahren 1941-44 ab.
An dieser Stelle sei der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung mit Satiricum im Sommerpalais Greiz für die umfangreichen Archivrecherchen gedankt. Ebenso sei den privaten Sammlern und den Kunstsammlungen Zwickau – Max Pechstein Museum, (Sammlung Friedbert Ficker), für die Möglichkeit der Veröffentlichung der Arbeiten gedankt. Wem diese grobe Einordnung genügt, der findet die neu eingestellten Werke von den ersten drei Stationen im französischen Orléans und den Gegenden um Mielec und Dębica im polnischen Teil Galiziens aus den Jahren 1940/41 unter den Lfd. Nrn. 241-296 im Werkverzeichnis. Nachfolgend wird noch etwas ausführlicher auf den historischen Kontext eingegangen, in dem diese Bilder entstanden sind.
Max Schneiders Arbeiten 1940/41 im historischen Kontext
Es würde den Rahmen dieses Werkverzeichnisses sprengen, jede Station ausführlich historisch zu würdigen. Gleichwohl ist eine möglichst exakte geographische Zuordnung der Bilder und eine Einordnung in den Kriegsverlauf anhand des Entstehungszeitpunkts eine wesentliche Information zum vollen Verständnis der Arbeiten. Wie noch zu zeigen sein wird, hat Max Schneider mit seinen detailgetreuen Abbildungen von Dörfern und Landschaften insbesondere an der Ostfront kaum ersetzliche Zeugnisse hinterlassen.
Teil I – Orléans in Frankreich, Mielec und Dębica in Polen (1940/41)
1. Im französischen Orléans, Okt. 1940-April 1941
Nach seiner Einberufung zur Wehrmacht am 30.06.1940 durchlief Max Schneider vermutlich zunächst eine Grundausbildung von etwa Juli bis September 1940 an einem unbekannten Ort, hierzu liegen bislang weder schriftliche noch bildliche Nachweise vor.
Ab Oktober 1940 ist Max Schneiders Teilnahme am Feldzug gegen Frankreich belegt, die früheste bislang bekannte Skizze datiert auf den 09.10.1940. Der angegebene Ortsname ist vermutlich „Péronville“, knapp 40 km nordwestlich von Orléans. Für den Zeitraum vom 26.11.1940 bis zum 04.04.1941 belegen gut 20 bislang bekannte Arbeiten Schneiders Stationierung in der französischen Großstadt Orléans 130 km südlich von Paris. Die Stadt wurde im Juni 1940 von der Wehrmacht besetzt und zuvor durch Bombardements der deutschen Luftwaffe erheblich zerstört. Einen Militärflugplatz, der auch von der deutschen Luftwaffe genutzt wurde, gibt es bis heute nordwestlich der Stadt in Bricy. Eine undatierte Fotografie Schneiders im Nachlass trägt rückseitig die Aufschrift Bourges und weist auf einen Aufenthalt Scheiders in der südlich von Orléans gelegenen Stadt mit einem Militärflugplatz hin.
Die Skizzen und wenigen Aquarelle Schneiders, die er im Brief an Doehler so geringschätzig erwähnt, zeigen immer wieder die imposante Kathedrale, Straßenzüge mit alten Häusern und häufig auch zerstörte Gebäude in der Altstadt. Dies ist besonders bemerkenswert, da Max Schneider abgesehen von einer Skizze von 1943 aus der zerstörten Altstadt von Kiew dieses Motiv nicht mehr in seinen Bildern festhalten wird. An der Ostfront, an die er vermutlich binnen weniger Tage im April 1941 versetzt wird, findet sich nahezu ausnahmslos die ländliche Idylle, Bauernhäuser und Dörfer in lieblichen Landschaften im Wechsel der Jahreszeiten.
2. Region um Mielec (Südostpolen, Karpatenvorland, Galizien), April-Juni 1941
Spätestens ab dem 16.04.1941 ist Max Schneiders Stationierung an der Ostfront belegt, zunächst im Süden des besetzten Polen, genauer der Region Karpatenvorland, in der historischen Provinz Galizien. Bis zum 23.06.1941 entstanden in der Region nordöstlich der Kreisstadt Mielec etliche Bilder in den Dörfern Berdechów, Cyranka, Chorzelów und Tuszów Narodowy.
Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen im Jahre 1939 nahm zwischen Berdechów und Cyranka eine bis heute existente polnische Flugzeugfabrik die Arbeit auf, die samt Flugplatz von den deutschen Besatzern übernommen und weiter betrieben wurde (Heinkel). In scharfem Kontrast zu Rollfeld, Hangars und Fabriken stehen Schneiders Aquarelle von strohbedeckten Holzhäusern und kleinen einsamen Höfen in der weiten grünen Landschaft.
Wir wissen nicht, was Schneider im Frühjahr 1941 vor Ort erlebt hat. Bereits unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch im September 1939 kam es zu Ermordungen von Juden, Plünderungen und Brandschatzungen, etwa der Großen Synagoge und weiterer jüdischer öffentlichen Einrichtungen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Schneider während seines Aufenthalts auch in der nahen Kreisstadt Mielec war und die Ruinen gesehen hat. Im März 1942 – also etwa ein dreiviertel Jahr nach Schneiders Stationierung – wurde die gesamte jüdische Bevölkerung von Mielec und weiteren Orten in einen Flugzeughangar in Berdechów/Cyranka getrieben. Hunderte, vor allem Kinder, Alte und Kranke wurden im nahen Wald erschossen. Tausende wurden weiter deportiert in verschiedene Ghettos und später in Vernichtungslager. Wenige hundert Menschen, vor allem junge Männer, wurden zur Zwangsarbeit, etwa im Flugzeugwerk vor Ort, herangezogen. Nur etwa 200 von über 5.000 Juden aus Mielec überlebten den Holocaust. Wer die erschütternde Geschichte der Auslöschung dieser jüdischen Gemeinde genauer nachlesen will, dem sei das Buch „Mielec, Poland – The shtetl that became a Nazi concentration camp“ von Rochelle G. Saidel (Gefen Verlag, Jerusalem, New York, 2012) mit Augenzeugenberichten von Überlebenden und Vernehmungen von Tätern empfohlen, dem die hier wiedergegebenen Angaben entnommen sind.
3. Region um Dębica (Südostpolen, Karpatenvorland, Galizien), Juli-Aug. 1941
Mindestens vom 02.07. bis zum 11.08.1941 lässt sich anhand seiner Bilder Schneiders Aufenthalt in der Region östlich der Stadt Dębica nachweisen, die südlich von Mielec und ebenfalls am Fluss Wisłoka gelegen ist. Spätestens Ende September 1941 folgte eine längere Stationierung im ukrainischen Proskurow (heute Chmelnyzkyj), doch dazu mehr im nächsten Beitrag.
Die beschaulichen Dorfansichten und Landschaften von Wola-Brzeźnicka, Kołowrotnia und Wieloncza (Wielącza) bei Brzeźnica täuschen darüber hinweg, dass sich diese Dörfer, deren Bewohner häufig vertrieben wurden, auf dem oder unmittelbar angrenzend an den riesigen SS-Truppenübungsplatz Heidelager befanden, der sich östlich von Dębica über zig Quadratkilometer erstreckte. Es ist wahrscheinlich, dass Schneiders Einheit hier auf den bevorstehenden Kriegseinsatz in der Sowjetunion vorbereitet wurde. Im Internet ist reichlich Literatur zu diesem Truppenübungsplatz, unter anderem dem Zwangsarbeitslager Pustków, den dort stationierten Einheiten und der V2-Raketenabschussbasis verfügbar. Bis heute sind im Luftbild die vier großen Betonringstraßen des „Lagers Flandern“ als bleibende Narben in der Landschaft erkennbar, in deren unmittelbarer Umgebung Schneiders idyllische Dorfansichten entstanden.
Teil II – Proskurow (Chmelnyzkyj) und Mariupol in der Ukraine (1941/42)
Der zweite Teil des gemalten Kriegstagebuchs Max Schneiders führt im Herbst 1941 von Polen in die Westukraine und bis ans Asowsche Meer im Spätsommer 1942. An dieser Stelle geht ein herzlicher Dank an die privaten Sammler und die Kunstsammlungen Zwickau – Max Pechstein Museum (Sammlung Friedbert Ficker) für die Ermöglichung der Veröffentlichung der Arbeiten.
4. Region Proskurow/Chmelnyzkyj (Ukraine), Sept. 1941-Juni 1942
Bis Anfang August 1941 lässt sich Max Schneiders Aufenthalt auf dem SS-Truppenübungsplatz Heidelager nahe dem polnischen Dębica belegen. Der Überfall auf die Sowjetunion („Unternehmen Barbarossa“) lief da bereits seit anderthalb Monaten. Schneiders Einheit rückte vermutlich zwischen Mitte August und Mitte September 1941 auf sowjetisches Gebiet in die Ukraine vor. Eine Skizze eines russischen Geschützes bei Proskurow datiert auf den 24. September 1941. Danach klafft aktuell eine Lücke bis Mitte Januar 1942 im Werkverzeichnis. Erst ab dem 17. Januar bis zum 14. Juni 1942 belegen wieder zahlreiche datierte Arbeiten Schneiders Stationierung auf dem Fliegerhorst in der westukrainischen Bezirkshauptstadt Proskurow, etwa 240 km östlich von Lemberg/Lwiw. Die Stadt Proskurow gehörte bis Ende des 18. Jahrhunderts als Płoskirów zu Polen und trägt seit 1954 den Namen Chmelnyzkyj. Es ist nach heutigem Wissensstand wahrscheinlich, dass Schneider trotz der Lücke bei den Belegen im Herbst 1941 den gesamten Zeitraum eines dreiviertel Jahres in Proskurow verbracht hat.
Schneiders Skizzen und Aquarelle zeigen Szenen unmittelbar aus der Stadt. In mehreren Arbeiten hielt er den Fliegerhorst mit roten Klinkerkasernen und Wasserturm aus der Zarenzeit fest. Die Gebäude haben sich rund um die Hastello-Straße weitgehend bis heute erhalten (Lfd. Nr. 28, bereits im Jahr 2023 veröffentlicht, und Lfd. Nrn. 297, 298, 299). Östlich von diesem Gelände lag das Flugfeld, der heutige Stadtteil „Staryj Aerodrom“, der nun überwiegend mit Einfamilienhäusern bebaut ist.
Bereits im letzten Jahr veröffentlicht wurde das Bild einer Rundkirche (siehe Lfd. Nr. 104), die nun dank eines Hinweises einer Besucherin des Werkverzeichnisses und nach Abgleich mit alten Fotografien eindeutig als Mariä-Geburt-Kathedrale (Собор Різдва пресвятої Богородиці) in Proskurow identifiziert werden konnte. Der 1837 fertiggestellte Kirchenbau ist heute das älteste erhaltene Gebäude der Stadt, die im Krieg weitgehend zerstört wurde. Der ehemals streng-nüchtern klassizistisch gestaltete helle Rundbau mit dunklem Dach wurde vermutlich im Zuge der Renovierung um 1989 einer Umgestaltung unterzogen. Fassade und Dach sind heute in leuchtendem Himmelblau gehalten, auf der Kuppel des Kirchenraums und der des Turms wurde jeweils ein Türmchen mit goldener Zwiebel und orthodoxem Kreuz ergänzt. Die Kirche ist heute ringsum durch Wohn- und Geschäftsgebäude verbaut, ein schmaler Zugang ist über die Vaisera-Straße gegeben.
Bemerkenswert ist das Aquarell „Judenviertel (Proskurow)“ vom 07.06.1942 (Lfd. Nr. 316). Proskurow war bis 1942 ein bedeutendes Zentrum jüdischen Lebens in der Ukraine. Bereits im Bürgerkriegsjahr 1919 fielen 1.650 Juden einem Pogrom ukrainischer Kosaken zum Opfer. 1939 stellten noch über 14.000 Juden knapp 40 Prozent der Einwohnerschaft. Seit der deutschen Eroberung im Sommer 1941 setzte unmittelbar deren Verfolgung ein. Jüdische Bewohner wurden von den deutschen Besatzern in Ghettos zusammengepfercht und zu Zwangsarbeit herangezogen. Im November 1941 wurden über 5.000 Juden im Süden der Stadt erschossen. Gut ein Jahr später wurden noch einmal über 7.000 Juden ermordet, nur etwa 60 jüdische Einwohner Proskurows überlebten den Holocaust. Die vorgenannten Angaben entstammen folgenden Quellen: Götz Aly, Europa gegen die Juden 1880-1945, 2017, S. 166-170 und dem Eintrag zu Proskurow von Diana Voskoboynik, in: The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, Vol. 2 Ghettos in German-Occupied Eastern Europe, 2012, S. 1449-1451. Die Entstehungszeit von Schneiders Aquarell lag im Sommer 1942 zwischen den beiden großen Massenerschießungen. Die bis auf eine Person verwaiste Straßenansicht könnte eines der Stadtviertel zeigen, aus dem die jüdische Bevölkerung vertrieben wurde. Es könnte sich aber auch um eines der Ghettos handeln, dessen Bewohner tagsüber außerhalb, vor allem im Straßenbau, Zwangsarbeit leisten mussten.
Außerhalb der Stadt malte Schneider die Landschaft und Ortschaften der Umgebung. Es entstanden Darstellungen teilweise sehr ärmlicher strohgedeckter Bauernhäuser etwa in den umliegenden Dörfern Oleschyn, Zarichchya und Dubowa sowie der weiten Landschaft an den Ufern des Flusses Kleiner/Südlicher Bug, der die Stadt Proskurow durchfließt. Bei den Winterbildern ist ein Aquarell hervorzuheben, das die beeindruckende Himmelserscheinung des Zodiakallichts (oder Tierkreislichts) festhält, siehe Lfd. Nr. 304.
Schließlich sind die Porträts des mutmaßlich ukrainischen Wirtssohns in Oleschyn sowie zweier Kameraden zu nennen, die zumindest einigen der Personen aus Schneiders Umfeld in dieser Zeit ein Gesicht geben (Lfd. Nrn. 301, 302 und 303). Lesenswert sind die Kriegsschilderungen aus der Sicht eines deutschen Militärgeistlichen in der Novelle „Unruhige Nacht“ von Albrecht Goes, die kurz nach Schneiders Aufenthalt im Herbst 1942 in Proskurow spielt und später auch verfilmt wurde.
5. Region Mariupol (Ukraine), Juli-Sept. 1942
Ab dem Juli 1942 nahm Schneiders Einheit an der Operation „Fall Blau“ teil, dem zweigeteilten Vorstoß zu den Ölfeldern im Kaukasus und nach Stalingrad ab Ende Juni 1942.
Schneider zog das glücklichere Los, an dem erstgenannten Feldzug in den Kaukasus („Unternehmen Edelweiß“) teilzunehmen. Der weitere Kriegsverlauf führte ihn zunächst in die Hafenstadt Mariupol. Im Südosten der Ukraine am Asowschen Meer gelegen, war die Stadt bereits seit Herbst 1941 von der Wehrmacht besetzt. Von Juli bis Anfang September 1942 war Schneider hier stationiert. Es entstanden Ansichten von Gebäuden in der Stadt und den umgebenden Dörfern Staryj Krym und Ljapino. Mehrere Darstellungen des Fischkombinats mit großen hölzernen, in den Boden eingelassenen Fässern geben einen Eindruck von diesem für die Stadt wichtigen Wirtschaftszweig.
Mariupol war nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Süden, wo Max Schneider in Sichtweite des Berges Elbrus in der Umgebung des Kurortes Essentuki im Kaukasus einige Wochen im Herbst 1942 verbrachte, bevor hier zum Jahresende 1942 der deutsche Rückzug einsetzte – noch vor der Kapitulation von Stalingrad.
Alle neu eingestellten Arbeiten mit den Lfd. Nrn. 297-330 finden Sie hier im Werkverzeichnis.
Teil III – im Kaukasus (Herbst 1942)
Vom ukrainischen Mariupol führt uns der dritte Teil des gemalten Kriegstagebuchs im Herbst 1942 noch weiter in den Süden, in den russischen Kaukasus. An dieser Stelle geht erneut ein herzlicher Dank an die privaten Sammler und die Kunstsammlungen Zwickau – Max Pechstein Museum (Sammlung Friedbert Ficker) für die Ermöglichung der Veröffentlichung der Arbeiten.
6. Region Krasnodar (Südrussland) – Malamino im Kuban-Gebiet (11./12. Sept. 1942)
In Folge der Sommeroffensive der deutschen Wehrmacht mit dem Ziel der Ölfelder im Kaukasus gelangte Max Schneider, der mindestens bis zum 5. September 1942 in Mariupol stationiert war, vermutlich über Rostow am Don zunächst in das südrussische Kuban-Gebiet, das nach dem gleichnamigen Fluss in der Region Krasnodar benannt ist. Ausweislich einer Skizze (Lfd. Nr. 331) übernachtete Schneider in dem kleinen Ort Malamino am Kuban südöstlich der Stadt Armawir in der Nacht vom 11. auf den 12. September 1942.
7. Region Stawropol (Südrussland) – Jessentuki und Schelesnowodsk im Kaukasus (Sept./Okt. 1942)
Mindestens vom 13. September bis zum 10. Oktober 1942 lässt sich Schneiders Aufenthalt aktuell in der für ihre Mineralwasserquellen bekannten Region Stawropol belegen. Rund um den mächtigen Berg Beschtau fertigte er zahlreiche Skizzen und Aquarelle in den Kurorten Jessentuki und Schelesnowodsk an, die mit Pjatigorsk und Kislowodsk zu den Kaukasischen Mineralbädern zählen.
Im heute zur Großstadt angewachsenen Jessentuki (auch Essentuki) hielt Schneider die zumeist recht einfache Holzarchitektur im reizvollen Kontrast zu dem monumentalen Hausberg fest, dem fünf Kuppen zählenden Beschtau, nach dem das benachbarte Kurbad Pjatigorsk (fünf Berge) benannt wurde. Auf den Aquarellen ist immer wieder das heute wohl älteste erhaltene Gebäude der Stadt zu sehen, die 1826 von den aus dem Tessin stammenden Gebrüdern Giovanni und Giuseppe Bernardazzi komplett aus Holz errichtete Nikolaikirche (Lfd. Nr. 334, 342, 343, auch 337 und 338). Im Jahr 1942 vermutlich in der ursprünglichen Farbgestaltung mit heller Fassade und dunklem Dach gemalt, erinnert ihre Verwandlung an die der Mariä-Geburt-Kathedrale im ukrainischen Proskurow (Chmelnyzkyj), vgl. dazu den vorhergehenden Beitrag und die Lfd. Nr. 104. Wie diese ist die Nikolaikirche in Jessentuki heute in einem leuchtenden Himmelblau mit weißen Akzenten gefasst.
Die Familie Bernardazzi brachte eine ganze Reihe von Architekten hervor, die vor allem im Russischen Zarenreich wirkten. Giovanni und Giuseppe waren vor ihrer Mission im Kaukasus mit weiteren Brüdern am Bau der Isaakskathedrale in St. Petersburg beteiligt. Den Kurorten im Kaukasus, insbesondere Kislowodsk und Pjatigorsk, gaben die Bernardazzi erst ihr Gesicht. Neben Badeanstalten und Parkanlagen zählte auch die Entwicklung der notwendigen Ingenieurbauwerke zu ihren Projekten. Giuseppes Sohn Alexander ist heute vielleicht der berühmteste Architekt der Familie und errichtete nach seiner Kindheit im Kaukasus und der Ausbildung in St. Petersburg zahlreiche öffentliche Gebäude vor allem im sogenannten neomaurischen Stil insbesondere in Chișinău (Moldau) und Odessa (Ukraine), ausführlicher zum Ganzen der Beitrag von Alla Chastina, The well-known architect Alexander Iosifovich Bernadazzi (1831-1907) (on the occasion of the 190th anniversary), Dialogica. Revistă de studii culturale și literatură, 2021, Nr. 1, S. 24-31.
Nordöstlich von Jessentuki liegt am Fuße des Beschtau der kleine Kurort Schelesnowodsk, etwa auf halber Strecke nach Mineralnyje Wody, wo die Hauptbahnlinie Rostow-Baku verläuft und ein größerer Flugplatz vorhanden ist. In Schelesnowodsk, das seinen Namen von den eisenhaltigen Mineralquellen erhalten hat (wie Kislowodsk nach sauren und das ursprünglich Gorjatschewodsk genannte Pjatigorsk nach heißen Mineralquellen), schuf Max Schneider vor allem Panoramen des imposanten Berges Beschtau (Lfd. Nr. 353, 355) sowie des markanten Medowaja (Honigberg), der die Form eines Bienenkorbs hat (Lfd. Nr. 345, 351, 352). Ihm gelingt hier einmal mehr die Schönheit der Natur und der regionalen Architektur zu einem harmonischen Gesamtbild zu vereinen.
Es ist wahrscheinlich, dass Schneider auf einem kleinen Flugfeld stationiert war, das bis heute am nördlichen Stadtrand von Jessentuki als einfache Graspiste existiert. Mit seinen Stationen deckt sich die Angabe, dass im Oktober 1942 der Stab des Luftflottenkommandos 4 von Mariupol nach Jessentuki verlegt worden sein soll, vgl. die Aussage von Generalmajor Karl Heinrich Schulz, in: Trial of the Major War Criminals before the International Military Tribunal – Nuremberg 14 November 1945 – 1 October 1946, 1949, Vol. XLII, Documents and other material in evidence, Col. Neave Report to Affidavit SS-87, S. 241.
Wie bereits an den Kriegsschauplätzen in Polen und in der Ukraine ist auch für Schneiders Arbeiten aus dem Kaukasus der Fokus auf scheinbar unberührte idyllische Landschaften bei gleichzeitiger kompletter Ausblendung des Krieges charakteristisch. Max Schneider erreichte die Kaukasischen Mineralbäder nur wenige Tage nachdem die ehemalige Sommerfrische der Petersburger Aristokratie am Fuße des Kaukasus zur tödlichen Falle für tausende jüdische Flüchtlinge, darunter viele Evakuierte aus Leningrad, geworden war. Neben einigen hundert einheimischen Juden fanden hier tausende den Tod, die erst im Winter 1941/42 über den zugefrorenen Ladogasee aus dem belagerten Leningrad evakuiert und so vor dem Verhungern gerettet worden waren. Evakuiert wurden die Angehörigen ganzer Universitätsinstitute, näher dazu Kiril Feferman, A Soviet Humanitarian Action?: Centre, Periphery and the Evacuation of Refugees to the North Caucasus, 1941-1942, Europe-Asia Studies, Vol. 61, 2009, S. 813-831, insbes. S. 818. Vom 7. bis zum 10. September 1942 wurden die über 3.300 jüdischen Bewohner von Kislowodsk, Jessentuki und Schelesnowodsk gesammelt und per Zug oder Lastwagen zu einem Panzergraben etwa einen Kilometer vom Glaswerk in Mineralnyje Wody gebracht und dort erschossen oder in Lastwagen vergast, vgl. hierzu die von Viktor Schklowski zu Kislowodsk und Ilja Ehrenburg zu Jessentuki zusammengestellten Berichte, in: Wassili Grossmann/Ilja Ehrenburg/Arno Lustiger (Hrsg.), Das Schwarzbuch – Der Genozid an den sowjetischen Juden, 1994, S. 420-428, sowie die leicht abweichenden Angaben bei Andrej Angrick, Besatzungspolitik und Massenmord – Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943, 2003, S. 617-619. Sanatorien wurden als Erholungsheime für die SS und die Wehrmacht beschlagnahmt, näher hierzu insbes. in Kislowodsk Andrej Angrick, a.a.O., S. 644 ff.
Zumindest indirekte Hinweise auf die sich verschlechternde Versorgungslage an einem der entlegensten Frontabschnitte lassen sich Schneiders Bildern doch entnehmen. Aquarelle in sehr blassen, stark verdünnten Farben, die teilweise schlechte Qualität des Papiers und dessen vermehrte doppelseitige Nutzung deuten auf die Beschränkung von Schneiders künstlerischer Arbeit durch die allgemeine Materialknappheit hin. Die gleichwohl verhältnismäßig große Anzahl von Werken hängt damit zusammen, dass er etliche Motive noch Jahrzehnte nach dem Krieg mehrfach in verschiedenen Techniken malte. Die Landschaft faszinierte ihn und es kann angenommen werden, dass sich diese Ansichten auch gut verkaufen ließen.
Im Moment lässt sich mangels datierter Arbeiten aus dem Zeitraum nicht sicher sagen, wo sich Max Schneider zwischen Mitte Oktober 1942 und Mitte Januar 1943 aufgehalten hat. Nach dem 10. Oktober 1942 gibt es aktuell eine Lücke im Werkverzeichnis bis zum 20. Januar 1943. Dieses Datum findet sich auf einem Aquarell, das im südrussischen Taganrog, zwischen Rostow und Mariupol, entstanden sein soll. Nach dem Rückzug aus dem Kaukasus folgt eine längere Stationierung in der Zentralukraine, doch dazu mehr im vierten Beitrag des gemalten Kriegstagebuchs.
Alle neu eingestellten Arbeiten mit den Lfd. Nrn. 331-359 finden Sie hier im Werkverzeichnis.
Teil IV – in der Ukraine (1943)
Vom Kaukasus führt uns der vierte Teil des gemalten Kriegstagebuchs Anfang des Jahres 1943 zurück in die Ukraine, zu verschiedenen Stationen am Fluss Dnjepr (Dnipro, Дніпро) in der Mitte des Landes. Ein herzlicher Dank geht an die privaten Sammler und die Kunstsammlungen Zwickau – Max Pechstein Museum (Sammlung Friedbert Ficker), die die Veröffentlichung der Arbeiten ermöglichten.
8. Region Dnjepropetrowsk (Ukraine) – Pjatichatki (Feb.-März 1943)
Nachweislich bis Anfang Oktober 1942 war Max Schneider im Kaukasus eingesetzt, vermutlich jedoch bis zum Jahreswechsel 1942/43. Auf den 20. Januar 1943 datiert ein Aquarell aus dem südrussischen Taganrog zwischen Mariupol und Rostow am Don am Asowschen Meer. Von dort aus wurde Schneiders Einheit weiter nach Norden entlang des Stromes Dnjepr in die Zentralukraine verlegt. Vom 22. Februar bis zum 18. März 1943 belegen Arbeiten Schneiders Aufenthalt in der Kleinstadt Pjatichatki (Pjatychatky, Пятихатки – wörtlich übersetzt „fünf Hütten“), einem Eisenbahnknotenpunkt in der Region Dnjepropetrowsk, gut 100 km westlich von der Großstadt Dnjepropetrowsk (heute wie der Fluss kurz Dnipro, Дніпро genannt) und knapp 400 km südöstlich von Kiew. Hervorzuheben sind eine schöne winterliche Straßenansicht (Lfd. Nr. 360) sowie das ausdrucksvolle kleine Porträt eines traurig blickenden jungen Mannes, vermutlich eines Kameraden Schneiders (Lfd. Nr. 361).
9. Region Tscherkassy (Ukraine) – Rotmystrowka (April-Aug. 1943), Dnjepropetrowsk und Kiew
Mindestens vom 12. April bis zum 22. August 1943, also gut vier Monate war Max Schneider in dem Dorf Rotmystrowka (auch Rotmistrowka, heute Rotmistriwka, Ротмістрівка) nahe der Kleinstadt Smela (Смела, heute Smila, Сміла) in der Region Tscherkassy stationiert. Rotmystrowka liegt gut 200 km südlich von Kiew und 40 km südwestlich der Großstadt Tscherkassy (Черкаси) am Dnjepr. Unmittelbar am südwestlichen Dorfrand befand sich der Flugplatz, auf dem Schneider eingesetzt war. Hier kreuzten sich ebenfalls wichtige Eisenbahnlinien aus allen Himmelsrichtungen, die für die Versorgung der Truppen auch östlich des Dnjepr entscheidend waren.
In zahlreichen Skizzen und Aquarellen hielt Schneider die ursprüngliche Architektur einfacher, oft weiß getünchter Bauernhäuser mit kunstvollen Strohdächern fest (Lfd. Nrn. 364, 384). Immer wieder dienten ihm in dem Dorf auch mehrere Holzbrücken als Motiv (Lfd. Nrn. 365, 367). Im Laufe des Frühjahrs und Sommers verwandeln sich in Schneiders Bildern die braunen Felder und die Hausgärten mit ihren Obstbäumen zu einer blühenden Landschaft. Die vermeintliche Idylle mitten im Krieg bezeichnet er selbst auf der Bleistiftskizze eines Bauernhauses als „Glück hinter unserer Küche“ (Lfd. Nr. 368). Doch auch hier trügt der Schein. Bereits ein Jahr vor Schneiders Stationierung, im Januar 1942, wurden die verbliebenen acht jüdischen Familien Rotmystrowkas, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, von den deutschen Besatzern in das Ghetto von Smela verbracht und waren wahrscheinlich unter den 512 Juden, die bei der Liquidierung des Ghettos im Februar 1942 von deutschen Polizisten und ihren ukrainischen Hilfskräften erschossen wurden. Die Angaben entstammen dem Eintrag zu Smela von Alexander Kruglov, in: The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps an Ghettos 1933-1945, Vol. 2, Ghettos in German-Occupied Eastern Europe, 2012, S. 1603.
Unterbrochen wurde die Zeit in Rotmystrowka durch Aufenthalte in Dnjepropetrowsk und Kiew. Am 10./11. Mai 1943 entstanden in der Stadt Dnjepropetrowsk Zeichnungen der Dreifaltigkeitskathedrale (Свято-Троїцький собор, Lfd. Nrn. 378, 379) und eine bereits veröffentlichte Straßenansicht (Lfd. Nr. 33) mit für Schneider ungewöhnlich viel Staffage (Pferdefuhrwerk und Passanten). Am 29. Juni 1943 hielt Schneider die zerstörte Altstadt von Kiew in einer Buntstiftzeichnung fest (Lfd. Nr. 380), der bislang einzigen bekannten Arbeit aus dieser Stadt.
Alle neu eingestellten Arbeiten mit den Lfd. Nrn. 360-385 finden Sie hier im Werkverzeichnis.
Teil V – bei Lemberg (Polen), in Kirowograd (Ukraine) und in Tarthun bei Magdeburg (1943/44)
Der fünfte und letzte Teil des gemalten Kriegstagebuchs führt uns Anfang September 1943 nach Bad Morszyn in die Nähe der damals noch polnischen Metropole Lemberg, danach wieder zurück in die Ukraine nach Kirowograd sowie schließlich im Sommer 1944 nach Tarthun in die Magdeburger Börde. Ein herzlicher Dank geht an die privaten Sammler und die Kunstsammlungen Zwickau – Max Pechstein Museum (Sammlung Friedbert Ficker), die die Veröffentlichung der Arbeiten ermöglichten.
10. Region Lemberg (Polen) – Bad Morszyn und Lisowice (Sept. 1943)
Mindestens vom 4. bis zum 13. September 1943 hielt sich Max Schneider in dem kleinen Kurort Bad Morszyn (Morschyn, Моршин) und dem nahe gelegenen Dorf Lisowice (Lysovychi, Лисовичі) südlich von Lemberg (polnisch Lwów, ukrainisch Lwiw) auf. Die galizische Hauptstadt Lemberg gehörte bis 1945 noch zu Polen und fiel mit Kriegsende an die Sowjetunion. Es ist wahrscheinlich, dass Schneider in Bad Morszyn in einem Kurlazarett der Luftwaffe behandelt wurde. Über eine Verwundung ist bislang nichts bekannt, es ist jedoch möglich, dass der Aufenthalt mit seiner chronischen Luxation des linken Arms zusammenhing. In Lisowice entstanden vor allem Skizzen sommerlicher Erntelandschaften, hervorzuheben ist insbesondere der kunstvolle hölzerne Heuschober mit beweglichem Dach, Lfd. Nr. 387.
11. Region Kirowograd (Ukraine) – Kirowograd (30. Okt. 1943)
Ein einziges Bleistiftporträt einer jungen Frau („Schönja“), vermutlich einer Ukrainerin, Lfd. Nr. 391, deutet auf einen letzten Einsatz Schneiders nahe der Ostfront am 30. Oktober 1943 in der Großstadt Kirowograd (seit 2016 Kropywnyzkyj, Кропивницький) hin. Die Stadt liegt etwa 300 km südlich von Kiew und gut 100 km südlich des Ortes Rotmystrowka, wo Schneider bis Ende August 1943 stationiert war. Am 8. Januar 1944 wurde Kirowograd von der Roten Armee befreit. Nach dieser Zeichnung klafft aktuell eine große Lücke im Tagebuch. Bislang wurden keine Arbeiten Schneiders aus der Zeit von Ende Oktober 1943 bis Ende Juni 1944 bekannt, die Aufschluss über seinen Aufenthalt geben könnten.
12. Magdeburger Börde – Tarthun (Juni-Okt. 1944)
Erst aus dem Sommer und Herbst des Folgejahres gibt es wieder Bleistiftskizzen Schneiders. Jedoch nicht mehr von der Ostfront, sondern mitten aus dem damaligen Reichsgebiet. Vom 28. Juni bis zum 16. Oktober 1944 datieren die Arbeiten Schneiders aus dem Dorf Tarthun gut 25 km südlich von Magdeburg. Genaueres zum Einsatz Schneiders als Angehörigem eines Bau-Bataillons der Luftwaffe in Tarthun ist bislang nicht bekannt. Am wahrscheinlichsten ist im Moment, dass sein Aufenthalt in Zusammenhang steht mit der Vorbereitung der unterirdischen Fabrikation von Flugzeugen (Junkers) in den örtlichen Kalibergwerken, die hier ab Mitte Oktober 1944 durch Zwangsarbeiter erfolgte (Außenlager Westeregeln des Konzentrationslagers Buchenwald).
Der weitere Verbleib Schneiders bis zum Kriegsende liegt aktuell im Dunkeln. Nach eigenen Angaben geriet Schneider am 6. Mai 1945 bei Pilsen in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Bereits im Juni 1945 wurde er aus dieser entlassen und kehrte in seine Heimatstadt Oelsnitz zurück, wo er zunächst als Vermittler im Arbeitsamt tätig war und auch seine künstlerische Tätigkeit wieder aufnahm.
Alle neu eingestellten Arbeiten mit den Lfd. Nrn. 386-398 finden Sie hier im Werkverzeichnis.