Ein Tagebuch in Bildern – Max Schneider an West- und Ostfront (1940-1945) I – Orléans in Frankreich, Mielec und Dębica in Polen (1940/41)

„Bis zur Einberufung am 30.6.1940 hatte ich eine Stellung als Kolorist inne. Nachdem ich an den Feldzügen gegen Frankreich und Rußland teilnehmen mußte, legte am 6. Mai 1945 die geschlossene Einheit ohne Kampf die Waffen nieder.“

Mit diesen knappen Worten fasst Max Schneider die Kriegsjahre in einem handgeschriebenen Lebenslauf 1946 zusammen. Aus einem weiteren erhaltenen Lebenslauf geht noch hervor, dass er den Dienstgrad eines Obergefreiten innehatte und die Gefangennahme bei Pilsen stattfand. Bereits am 17.06.1945 wurde er aus dem Lager Veitshöchheim (bei Würzburg in Unterfranken) aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte nach Oelsnitz/Vogtl. zurück.

In der Familie hat Max Schneider später nie über seine Kriegserlebnisse gesprochen. Jedoch spricht er noch heute zu uns durch die vielen Skizzen und Aquarelle, die er während dieser Zeit angefertigt und teilweise auch mit knappen Notizen versehen hat. Etliche Motive hat er nicht nur während des Krieges im Postkartenformat vervielfältigt, sondern auch noch Jahrzehnte später immer wieder neu in verschiedenen Techniken gemalt.

Doch wie war es ihm überhaupt möglich während des Krieges so viel zu zeichnen? Aufschluss hierüber gibt ein truppenärztliches Attest vom Sommer 1941, das im Nachlass erhalten geblieben ist. Vielleicht hat es ihm sogar das Leben gerettet. Dem Flieger Max Schneider der 3. Kompanie des Luftwaffen-Bau-Bataillons 21/XVII wird darin aufgrund einer chronischen Luxation des linken Oberarms bescheinigt, er sei „nur in leichter Arbeit zu verwenden, z.B. zu Zeichnungen und in Schreibstuben.“ Wiederholt hielt er seinen Zeichentisch in Skizzen fest (vgl. Lfd. Nr. 29). Nach dem heutigen Kenntnisstand ist anzunehmen, dass seine Einheit mit dem Aufbau und Betrieb von Militärflugplätzen hinter der Front betraut war und er in diesem Zusammenhang auch für militärische Zwecke zeichnete. Seine Tätigkeit erlaubte ihm jedenfalls einen beträchtlichen Teil seiner Zeit mit dem Zeichnen und Malen in der Umgebung des jeweiligen Flugplatzes zu verbringen. Nur dank dieser Umstände konnte er in den Kriegsjahren ein so umfangreiches Werk schaffen.

Erst kürzlich kamen im Archiv der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung mit Satiricum im Sommerpalais Greiz einige Briefe Max Schneiders aus den Jahren 1936-44 zum Vorschein. Aus diesen geht nicht nur hervor, dass ihm nach einer Ausstellungsteilnahme 1936 eine erneute Beteiligung im Folgejahr mangels Mitgliedschaft in der sog. Reichskammer der bildenden Künste (kurz „Reichskunstkammer“) verwehrt blieb. Schneider bemühte sich erfolgreich um eine Aufnahme, die Voraussetzung für die Teilnahme an Ausstellungen während der NS-Zeit war. In den Jahren 1938-1940 nahm Schneider jährlich an den Ausstellungen in Greiz teil. Einladungen in den Jahren 1941, 1943 und 1944 lehnte er jeweils unter Verweis auf seinen Kriegsdienst ab. So schreibt Schneider wörtlich in einen Brief an den Direktor des Sommerpalais, Dr. Gottfried Doehler, am 03.04.1941 aus Frankreich:

„Leider ist es mir nicht möglich diesmal die Ausstellung zu beschicken. Außer wenigen flüchtigen Skizzen, die ich in Feindesland habe anfertigen können, steht mir nichts zur Verfügung.“

Gut zwei Jahre später schreibt Schneider am 01.06.1943 von der Ostfront an Doehler:

„In Feindesland bleibt sehr wenig Zeit für gute Arbeiten und das Glück in der Heimat zu schaffen, war mir in so reichem Maße noch nicht beschieden, daß ich Ihnen damit dienen könnte.“

(Quelle für beide Zitate: Archiv der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung mit Satiricum im Sommerpalais Greiz, Akten zu den Ausstellungen Vogtländisch-Thüringischer Künstler 1941 und 1943)

Diese von Max Schneider in den Briefen nach außen vertretene „offizielle Version“ hat nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun, über die Gründe dieser Selbstdarstellung lässt sich nur spekulieren. Schneider nutzte jede freie Minute für künstlerische Arbeiten, bewahrte selbst kleinste Skizzen bis zu seinem Tode auf und beschäftigte sich auch nach dem Krieg noch jahrzehntelang mit einigen Motiven. Wir können also davon ausgehen, dass er sowohl die fernen Landschaften als auch seine Arbeiten von dort schätzte. Erhalten geblieben ist ein ganzes Tagebuch in Bildern, an die 200 Skizzen und Aquarelle aus den Jahren 1940-44, von Orléans in Frankreich, über die Region Karpatenvorland im Süden Polens (westliches Galizien), verschiedene Stationen in der Ukraine bis in den Kaukasus im Süden Russlands. Neben Stadtansichten aus Orléans, die teilweise auch die Schäden durch deutsche Luftangriffe zeigen, dominieren vom Ostfeldzug fast ausschließlich Ortsansichten und Landschaften mit einfachen Häusern, die ländliche Idylle mit traditioneller Architektur, die Max Schneider nach dem Krieg auch im Vogtland zum Hauptgegenstand seiner Arbeit machen sollte. Daneben entstanden noch einige Porträts von Kameraden und Einheimischen. Bislang ist nur eine Zeichnung eines zurückgelassenen russischen Geschützes bekannt. Mitten im Krieg hat Max Schneider also vor allem das genaue Gegenteil gemalt – die universelle Schönheit der Natur und des einfachen Landlebens, so dass teilweise der etwas verstörende Eindruck entsteht, er habe eine unbeschwerte mehrjährige Malreise unternommen. Vielleicht wollte er genau dies vermeiden und sagte deshalb seine Teilnahme an den Ausstellungen in Greiz in den Kriegsjahren 1941-44 ab.

An dieser Stelle sei der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung mit Satiricum im Sommerpalais Greiz für die umfangreichen Archivrecherchen gedankt. Ebenso sei den privaten Sammlern und den Kunstsammlungen Zwickau – Max Pechstein Museum, (Sammlung Friedbert Ficker), für die Möglichkeit der Veröffentlichung der Arbeiten gedankt. Wem diese grobe Einordnung genügt, der findet die neu eingestellten Werke von den ersten drei Stationen im französischen Orléans und den Gegenden um Mielec und Dębica im polnischen Teil Galiziens aus den Jahren 1940/41 unter den Lfd. Nrn. 241-296 im Werkverzeichnis. Nachfolgend wird noch etwas ausführlicher auf den historischen Kontext eingegangen, in dem diese Bilder entstanden sind.

Max Schneiders Arbeiten 1940/41 im historischen Kontext

Es würde den Rahmen dieses Werkverzeichnisses sprengen, jede Station ausführlich historisch zu würdigen. Gleichwohl ist eine möglichst exakte geographische Zuordnung der Bilder und eine Einordnung in den Kriegsverlauf anhand des Entstehungszeitpunkts eine wesentliche Information zum vollen Verständnis der Arbeiten. Wie noch zu zeigen sein wird, hat Max Schneider mit seinen detailgetreuen Abbildungen von Dörfern und Landschaften insbesondere an der Ostfront kaum ersetzliche Zeugnisse hinterlassen.

1. Im französischen Orléans, Okt. 1940-April 1941

Nach seiner Einberufung zur Wehrmacht am 30.06.1940 durchlief Max Schneider vermutlich zunächst eine Grundausbildung von etwa Juli bis September 1940 an einem unbekannten Ort, hierzu liegen bislang weder schriftliche noch bildliche Nachweise vor.

Ab Oktober 1940 ist Max Schneiders Teilnahme am Feldzug gegen Frankreich belegt, die früheste bislang bekannte Skizze datiert auf den 09.10.1940. Der angegebene Ortsname ist vermutlich „Péronville“, knapp 40 km nordwestlich von Orléans. Für den Zeitraum vom 26.11.1940 bis zum 04.04.1941 belegen gut 20 bislang bekannte Arbeiten Schneiders Stationierung in der französischen Großstadt Orléans 130 km südlich von Paris. Die Stadt wurde im Juni 1940 von der Wehrmacht besetzt und zuvor durch Bombardements der deutschen Luftwaffe erheblich zerstört. Einen Militärflugplatz, der auch von der deutschen Luftwaffe genutzt wurde, gibt es bis heute nordwestlich der Stadt in Bricy. Eine undatierte Fotografie Schneiders im Nachlass trägt rückseitig die Aufschrift Bourges und weist auf einen Aufenthalt Scheiders in der südlich von Orléans gelegenen Stadt mit einem Militärflugplatz hin.

Die Skizzen und wenigen Aquarelle Schneiders, die er im Brief an Doehler so geringschätzig erwähnt, zeigen immer wieder die imposante Kathedrale, Straßenzüge mit alten Häusern und häufig auch zerstörte Gebäude in der Altstadt. Dies ist besonders bemerkenswert, da Max Schneider abgesehen von einer Skizze von 1943 aus der zerstörten Altstadt von Kiew dieses Motiv nicht mehr in seinen Bildern festhalten wird. An der Ostfront, an die er vermutlich binnen weniger Tage im April 1941 versetzt wird, findet sich nahezu ausnahmslos die ländliche Idylle, Bauernhäuser und Dörfer in lieblichen Landschaften im Wechsel der Jahreszeiten.

2. Region um Mielec (Südostpolen, Karpatenvorland, Galizien), April-Juni 1941

Spätestens ab dem 16.04.1941 ist Max Schneiders Stationierung an der Ostfront belegt, zunächst im Süden des besetzten Polen, genauer der Region Karpatenvorland, in der historischen Provinz Galizien. Bis zum 23.06.1941 entstanden in der Region nordöstlich der Kreisstadt Mielec etliche Bilder in den Dörfern Berdechów, Cyranka, Chorzelów und Tuszów Narodowy.

Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen im Jahre 1939 nahm zwischen Berdechów und Cyranka eine bis heute existente polnische Flugzeugfabrik die Arbeit auf, die samt Flugplatz von den deutschen Besatzern übernommen und weiter betrieben wurde (Heinkel). In scharfem Kontrast zu Rollfeld, Hangars und Fabriken stehen Schneiders Aquarelle von strohbedeckten Holzhäusern und kleinen einsamen Höfen in der weiten grünen Landschaft.

Wir wissen nicht, was Schneider im Frühjahr 1941 vor Ort erlebt hat. Bereits unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch im September 1939 kam es zu Ermordungen von Juden, Plünderungen und Brandschatzungen, etwa der Großen Synagoge und weiterer jüdischer öffentlichen Einrichtungen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Schneider während seines Aufenthalts auch in der nahen Kreisstadt Mielec war und die Ruinen gesehen hat. Im März 1942 – also etwa ein dreiviertel Jahr nach Schneiders Stationierung – wurde die gesamte jüdische Bevölkerung von Mielec und weiteren Orten in einen Flugzeughangar in Berdechów/Cyranka getrieben. Hunderte, vor allem Kinder, Alte und Kranke wurden im nahen Wald erschossen. Tausende wurden weiter deportiert in verschiedene Ghettos und später in Vernichtungslager. Wenige hundert Menschen, vor allem junge Männer, wurden zur Zwangsarbeit, etwa im Flugzeugwerk vor Ort, herangezogen. Nur etwa 200 von über 5000 Juden aus Mielec überlebten den Holocaust. Wer die erschütternde Geschichte der Auslöschung dieser jüdischen Gemeinde genauer nachlesen will, dem sei das Buch „Mielec, Poland – The shtetl that became a Nazi concentration camp“ von Rochelle G. Saidel (Gefen Verlag, Jerusalem, New York, 2012) mit Augenzeugenberichten von Überlebenden und Vernehmungen von Tätern empfohlen, dem die hier wiedergegebenen Angaben entnommen sind.

3. Region um Dębica (Südostpolen, Karpatenvorland, Galizien), Juli-Aug. 1941

Mindestens vom 02.07. bis zum 11.08.1941 lässt sich anhand seiner Bilder Schneiders Aufenthalt in der Region östlich der Stadt Dębica nachweisen, die südlich von Mielec und ebenfalls am Fluss Wisłoka gelegen ist. Spätestens Ende September 1941 folgte eine längere Stationierung im ukrainischen Proskurow (heute Chmelnyzkyj), doch dazu mehr im nächsten Beitrag.

Die beschaulichen Dorfansichten und Landschaften von Wola-Brzeźnicka, Kołowrotnia und Wieloncza (Wielącza) bei Brzeźnica täuschen darüber hinweg, dass sich diese Dörfer, deren Bewohner häufig vertrieben wurden, auf dem oder unmittelbar angrenzend an den riesigen SS-Truppenübungsplatz Heidelager befanden, der sich östlich von Dębica über zig Quadratkilometer erstreckte. Es ist wahrscheinlich, dass Schneiders Einheit hier auf den bevorstehenden Kriegseinsatz in der Sowjetunion vorbereitet wurde. Im Internet ist reichlich Literatur zu diesem Truppenübungsplatz, unter anderem dem Zwangsarbeitslager Pustków, den dort stationierten Einheiten und der V2-Raketenabschussbasis verfügbar. Bis heute sind im Luftbild die vier großen Betonringstraßen des „Lagers Flandern“ als bleibende Narben in der Landschaft erkennbar, in deren unmittelbarer Umgebung Schneiders idyllische Dorfansichten entstanden.